Wir suchen ein Boot

Nach einigen Chartertörns war uns klar, dass wir nicht mehr chartern, sondern eigentlich länger zu zweit unterwegs sein wollen. Ein eigenes Boot musste also her!

Zunächst stellte sich die Frage nach dem Bootstyp. Ein GFK-Schiff Marke "Plastikschüssel" konnte es nicht sein, darüber waren wir uns schnell einig. Ein Holzschiff kam wegen des zu erwartenden hohen Pflegeaufwandes auch nicht in Frage. Wir waren uns also bald einig: Stahl ist ein stabiles und gutes Baumaterial für Schiffe (wir waren eben noch unerfahren). Unsere schönsten Segelerlebnisse hatten wir bisher auf Stahlbooten gehabt, und die "Eliza", eine Feltz Skorpion 2A, war unserer Vorstellung von einem idealen Schiff bisher am nächsten gekommen.

Wir fingen also an, in den einschlägigen Magazinen und im Internet nach gebrauchten Booten zu gucken. Das erste Boot, das wir uns anschauten, war eine Feltz Skorpion I für knapp 20.000 € für Bastler. Zwar machte sie mit ihrem S-Spant einen seetüchtigen Eindruck, aber wir suchten lieber weiter, denn wir wollten ja eigentlich segeln und nicht basteln (ja genau!).

"Stahlketsch, 12m, guter Zustand, 39.000 €" lasen wir in einem Bootsanzeigenblatt und machten gleich einen Besichtigungstermin mit dem Makler. Das Boot liege an einem Binnensee in Brandenburg, sei fahrbereit, und man könne es auch probesegeln. Was wir dann dort hinter einer alten VEB-Fabrikhalle am Kanal fanden, war eine "Hulk" mit gelegten Masten. Wortreich entschuldigte sich der Makler, von einer Probefahrt unter Motor sei die Rede gewesen, ausserdem gebe es in der Nähe einen Kran und man könne ja "die Masten eben stellen". Wir beschlossen, uns den Kahn trotzdem anzuschauen und was wir sahen, war ein Bild des Grauens: Gammel überall, der Motorraum ein schwarzes Loch, die Elektrik ein Gewirr aus Kabeln, die Gasflasche ohne Entlüftung, kurz: ein Fall für den Schiffsfriedhof. Recht bald verabschiedeten wir uns höflich.

In diesem Stil ging es dann weiter. Unsere Reisen führten uns von Holland nach Slowenien, von Tunesien bis nach Hamburg. Und immer wieder sahen wir diese Anzeige für eine Feltz in Hamburg, die allerdings mit ihrem Angebotspreis von 75.000€ jenseits unserer Möglichkeiten lag.

Schließlich beschlossen wir, den Eigner der Feltz einfach mal nach den technischen Daten zu fragen. Die Liste, die wir bekamen, war beeindruckend. Windgenerator, grosse Tanks, Elektronik, Beiboot mit Außenborder, Rettungsinsel, alles da. Und ein paar Kleinigkeiten kann man ja eben noch kaufen. Das Problem war nur der Preis. Wir schickten dem Besitzer eine Anfrage, ob wir denn vielleicht auch für 60.000 € ins Geschäft kommen könnten.

Der Eigner antwortete, daß es noch Interessenten gäbe, die sich das Boot anschauen wollten, wenn diese aber nicht zusagen würden (Psycho-Trick Nr. 1: Begehrlichkeit wecken, indem man vorgaukelt, jemand anderes könnte das Angebot zuerst wahrnehmen), könnten wir gerne vorbeikommen, der Preis sei verhandelbar. Unser Angebot sei zwar an der unteren Grenze, aber Anschauen würde sich schon lohnen (Psycho-Trick Nr. 2: das Angebot nach dem Motto: Wir ruinieren uns völlig für Sie, den Kunden!).
Ein paar Wochen später kam also die Nachricht: das Boot sei noch zu haben, wann wir denn vorbeikommen wollten. Wir machten uns also an einem wunderschönen sonnigen Sonntag (Psycho-Trick Nr. 3: gutes Wetter bestellen) auf nach Hamburg. Da stand sie: eine weiße Feltz Skorpion 2A, mit einem blauen Zierstreifen und blauer Sprayhood. Bilddatei? Wir brauchten nur 10 Minuten, um uns das Schiff grob anzuschauen, bis wir uns anschauten und wussten: "Die ist es!". Wir verbrachten danach noch einige Stunden, um (unserer Meinung nach) in alle Winkel des Bootes zu schauen ("you ain´t seen nothing yet"), und eine kleine Runde unter Motor durch den Hafen zu drehen. Probesegeln konnten wir ja leider auf der Elbe nicht...

Unser Gefühl (Fehler Nr. 1) sagte uns immer noch, daß dieses Boot "das Richtige" war (das hat sich übrigens bis heute nicht geändert). Wir verhandelten noch ein bißchen über den Preis und kleinere Schäden, dabei immer im Bewußtsein, dass der Verkäufer ja quasi schon "die Hosen runtergelassen hatte". Schließlich stimmten wir dem Kauf zu (Fehler Nr. 2: keine Bedenkzeit genommen; Fehler Nr. 3: kein Gutachter genommen), und damit nahm das Schicksal seinen Lauf.

Da Astrid erst im Herbst wieder Urlaub bekam, stimmten wir dem Wunsch des "Noch-Besitzers zu, noch seinen geplanten Sommertörn mit dem Boot machen zu können (Fehler Nr. 4: nach dem Kauf den Vorbesitzer nicht sofort vom Boot jagen ;-). Den Kaufvertrag könne man ja mit Anzahlung und so weiter schon festlegen. Alles Weitere würden wir dann bei der Übergabe sehen. Noch völlig berauscht, fuhren wir als frische "Yachtbesitzer" nach Hause.

Love is blind, und wir hatten uns in ein Stahlboot verliebt! Vieles von dem, was wir gelesen und erfahren hatten, hatten wir vergessen. Wir hatten zwar brav unsere Checkliste durchgearbeitet, aber eben an vielen Stellen nicht genau genug hingeguckt und der Verkäufer hatte es verstanden, z. B. Roststellen einfach kosmetisch zu behandeln, so daß wir das "große Rostproblem" gar nicht erahnen konnten. Viele Schäden, die uns später so überraschen sollten, hätten wir jedoch auch gar nicht sehen können (z. B. der Windgenerator fiel bei näherer Untersuchung einfach auseinander, etc., etc.). Wer weiß, ob ein Gutachter diese Schäden gesehen hätte, aber zumindest hätte er eine etwas neutralere Sicht gehabt und idealerweise viel mehr Erfahrung mit 25 Jahre alten Stahlbooten.

Nach Gesprächen mit anderen Bootsbesitzern wissen wir, daß es fast jedem mit dem ersten Bootskauf so geht, wie uns. Mittlerweile haben wir auch wieder unser Selbstvertrauen zurück gewonnen und mit jedem Teil, das wir selber reparieren, wird das Boot immer mehr zu "unserem" Boot.

(Björn, April 2008)